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Genießen Planmäßige Abfahrt um 14.40. Sobald sie Wien verläßt, atmet sie
tiefer. Sie fahren nach Süden. Die Schwellen gleiten immer schneller vorbei, wie gut, sich irgendwohin fort
bewegen zu können. Ihnen gegenüber sitzt ein bleicher Mann. Er hält einen Plastiksack umklammert, in dem ein Blechgeschirr steckt, aus dem er hastig, fast gierig zitternd, ab und zu erleichtert keuchend, einen milchigen Brei zu löffeln beginnt. Das Schaben des Löffels am Blechboden tut in den Ohren weh. Sie beobachtet verstohlen diese Gier, es klingt, als wollte ihm jemand das Geschirr streitig machen. Dabei ist sein Gesicht ruhig, nichts von der hörbaren Gehetztheit ist darin zu sehen. Er kauert beengt auf dem Sitz, hinter ihm ein dick angefüllter Plastiksack. Es ist etwas Faszinierendes an diesem Menschen, daß sie unentwegt hinstarren muß.
Eine sehr schöne Landschaft, die die Bezeichnung Gegend verdient. Wege, die sie gerne gehen würde, betrachtet sie vom fahrenden Zug aus, etwas Vergangenes steigt hoch. Sie kriecht
in ihr Buch, um diesen Gedanken nicht weiter denken zu müssen. g.s aus:
Frau auf Reisen, 1998
Sexuelles Nocturno
Ich
fahre fast jedes Jahr nach
T. Auf dem Wort "fast" möchte
ich bestehen, denn jedes Jahr
soll keineswegs heißen, daß es
automatisch geschieht, weder
unumgänglich noch unabänderlich.
Ich komme beinahe immer spontan
dorthin. Ich weiß nie genau,
ob ich vorbeifahre, oder
ganz einfach nur durchfahre.
Wenn
es wahr ist, daß ich in T.
vom zwölften bis zum neunzehnten
Lebensjahr studiert habe,
fühle ich mich unwohl. Unwohl
und zugleich wunderbar.
T.
ist mein sagenhaftes Pompeij. Gewöhnlich
komme ich mit dem Autobus.
Die Landschaft um T. paßt
zum Herbst. Ich betrachte
die Stangen auf den Hügelkämmen.
Gleich beim Bahnhof
ist eine Bäckerei. Dort haben
wir spiritistische Séancen
abgehalten. Während des Krieges
lebte gegenüber in einem
Zimmer im ersten
Stock ein Schneider. Als
er eingezogen wurde, ergriffen
hochmütige österreichische
Offiziere Besitz von seiner
Frau. Es waren zwei oder
drei auf einmal. Sie dachten
nicht daran, die Vorhänge
zu schließen.
Übersetzung aus dem Französischen: gabriele s.
aus: Vitezslav
Nezval, Sexuelles
Nocturno. Die Geschichte einer demaskierten Täuschung
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