Laudatio
anlässlich der Verleihung der
Johann-Beckmann-Medaille an

emer. Univ.Prof. Dr. Josef Hölzl
Schöpfer der Studienrichtung Biologie und Warenlehre
vorgetragen von Dr. Richard Kiridus-Göller
in Göttingen am 14. Juni 2002
Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung:
Sir Karl R. Popper hat drei Welten unterschieden:
1. die reale Welt der belebten und unbelebten Objekte sowie deren Zustände mitsamt
den Artefakten,
2. die Welt der subjektiven - ich würde auch sagen gesellschaftlichen -
Bewusstseinszustände und
3. das theoretische System der wahren Sätze als die Welt der Wissenschaft. -
Dahingehend möchte ich im Hinblick auf die Ware vier Welten unterscheiden:
* die Wissenschaft von der Ware,
* was davon in den Lehr- und Studienplänen steht,
* was sich in Lehr- und Schulbüchern aufgeschrieben oder weggelassen findet,
* die sich an den Schnittstellen befindenden Lehrenden.
Zum gegebenen Anlass möchte ich zu Ware und Welt hier drei Anmerkungen
vorbringen:
- zunächst zum bio-kulturellen Zusammenhang,
- dann zu dessen Aufkündigung in der Postmoderne,
- zuletzt einen Ansatz zur warenwissenschaftlichen Erkenntnistheorie.
Geschätzte Versammlung,
sehr geehrter Herr Professor Hölzl !
Es ist für mich eine Ehre und zugleich eine große Freude, hier in Göttingen einige würdigende Worte zum Vermächtnis von Johann Beckmann –
post hoc et propter hoc - an Sie richten zu dürfen.
Ich weiß, dass es das besondere Verdienst des emeritierten Univ.Prof. Dr. Josef Hölzl ist, die wissenschaftstheoretisch richtige und wissenschaftsgeschichtlich bedeutsame Weichenstellung vollzogen zu haben, indem er die Studienrichtung „Biologie und Warenlehre“ etablierte.
Die Bedeutung dieses Kernfaches realwirtschaftlicher Orientierung, dessen bin ich mir ganz sicher, wird zunehmen. Warum dies so ist und welche Entwicklungen dahingehend bestehen, möchte ich nun darlegen.
Mir scheint, dass heutzutage angesichts der Krise der Postmoderne ähnlich wie zu Lebzeiten Johann Beckmanns eine allgemeine Alphabetisierung – insbesondere bei den Entscheidungsträgern, in der marktwirtschaftlichen Demokratie bei allen Akteuren - dringend geboten ist.
1. Abschnitt
(Zum bio-kulturellen Zusammenhang)
Was die Logik für die Mathematik ist und die Grammatik für die Sprache, das ist die moderne Biologie für die Systembedingungen unserer Existenz.
Der Systematik der Warenkunde folgt die Systemorientierung in der Warenlehre:
Geld an sich gibt es nicht. Denn der Gegenbegriff zu Geld ist Ware. Doch die Ware an sich gibt es auch nicht – ohne das Leben und das Erleben, ohne den Menschen und sein Bewusstsein.
Was ist Leben ? Dieses Rätsel einer Lösung näher gebracht zu haben, ist weniger eine Leistung von Biologen wie von Physikern – sehr viele grundlegende Einsichten und
Erkenntnisse stammen aus dem im weiteren Sinne Wiener Kulturkreis (Boltzmann, Schrödinger, Bertalanffy, Heinz von Foerster, ....): so die Selbstorganisations- und Systemtheorie.
Waren sind als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung (Lebensmittel, Mittel zum Leben) von biokybernetischer Substanz. Die Beziehung der Ware zu Ökonomie und Technologie ist vertraut, weniger die zum Leben selbst.
Spätestens seit der ökologischen Frage und längstens seit der Existenz der Gentechnologie wird wohl jedermann erkennen müssen, dass Wirtschaft und Technik mit der Biologie in enger Beziehung stehen.
Mehr noch: im Lichte der Evolutionsmechanismen wird klar, dass das Ökonomische und das Technische keine ausschließlich kulturellen Phänomene sind, welche dem Homo sapiens zuzuschreiben sind, sondern dass es sich um uns bewusst gewordene Funktions-Prinzipien des Lebendigen handelt.
Der Funktionsbegriff fehlt der Physik und der Chemie.
Der Funktionsbegriff verbindet die Biologie mit der Technologie und der Ökonomie.
Lassen Sie mich das mit einigen trivialen Denkmodellen illustrieren:
1. Mit dem Schloss-Schlüssel-Prinzip.
Das Ganze bildet eine Einheit, wobei beide Systemteile über einander wechselseitig bestimmen, ohne Kompatibilität passiert nichts.
Worauf es ankommt, das ist das Passungsverhältnis des Schlüsselbarts zum Gefüge des Schlosses.
Woraus der Schlüssel besteht, das Material, die Materie, ist nicht ausschlaggebend.
Damit die Information des Schlüsselbarts wirksam wird, bedarf es eines zusätzlichen Aufwandes an Energie zum Drehen des Schlüssels.
Die Funktion des Schlüssels ist ein Produkt aus Information und Energie.
Je besser das Passungsverhältnis, desto kleiner der Kraftaufwand, das Schloss aufzuschließen (F = E/M x I).
Das Schloss ist sozusagen die Umwelt als Ressource der Schlüsselexistenz. (Die Umwelt ist Informations-, Energie- Stoffquelle.)
Entscheidend ist insgesamt die positive Energie-Bilanz !
Mit dieser simplen Überlegung wird auch klar, was mit Darwins „struggle for life“ und Spencers „survival of the fittest“ wirklich gemeint ist: Der sog. „Kampf ums Dasein“ ist die Mühsal der Ressourcenkonkurrenz, das „Überleben des Tüchtigsten“ ein Kompatibilitätsproblem.
2. Mit der Spinne und ihrem Netz:
Ähnlich wie bei Schlüssel und Schloss verhält es sich im Lebendigen.
Lebende Systeme bestehen aus der Einheit von Organismus und Umwelt. Die Wurzel der Technik – als Anwendung, Weitergabe, Übergabe von Information - ist die Sprache: „Es werde ... ! “ Das ist die Faszination ihrer Macht: „Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Welt“ (Georg Christoph Lichtenberg, Göttinger Physiker und Zeitgenosse des Technologen Johann Beckmann).
Jeder Organismus ist Informationsträger. Die Webspinne „weiß“ um die Technik des Netzbaues. Im Prinzip handelt es sich beim Netz um eine Energiefalle – so wie bei allen Maschinen.
Und es handelt sich um die Anwendung von Information – das ist der Kern jedweder Form von Technik, egal ob diese Information angeboren, erlernt, gefunden oder erfunden wurde.
Entscheidend ist die Kompatibilität des Ganzen. Das Netz wird nicht irgendwo hingeklebt, sondern an einer nachhaltig wirksamen Stelle; es ist sparsam gebaut – ganz dünn (!); und es ist gewinnbringend - z.B. in Form fetter Fliegen.
3. Mit dem Mensch-Maschine-Modell :
Der Mensch unterliegt wie jeder Organismus solchen Systemzwängen.
Der Organismus Mensch steht einem „exosomatischen“ (außerhalb des Körpers befindlichen) Kunst-Organ (einer nach Gesetzmäßigkeiten gebauten „Maschinerie“) in Form eines Regelkreises gegenüber.
Es ist wie bei einem Geiger, der seine Violine in der Hand hat: Der Geiger streicht den Bogen, hört den Ton, ändert daraufhin seine Bogenführung und so fort. Wir haben also ein ständiges Empfangen, Verarbeiten und Senden von Information vor uns.
Die Ergonomie modelliert dies zum Funktionskreis, der aus zwei Hauptteilen, dem Menschen und seiner Technologie, besteht.
Dementsprechend sind die beiden großen ergonomischen Teilgebiete die Arbeitsbiologie und die (Arbeits)technologie.
4. Mit dem Konzept der nicht-trivialen Maschinen:
Im Gegensatz zur sogenannten „trivialen Maschine“, die „formal repetetiv“ immer nach demselben linearen Rezept arbeitet, ändern lebende Systeme durch ständige Rückkoppelung des Output an den Input als „nicht-triviale Maschinen“ ständig ihr Verhalten: Sie lernen !
Und damit komme ich zum Kern des Phänomens Ware:
Sie ist das Ergebnis eines ständigen Informationsverarbeitungsprozesses, eines Lernvorgangs.
Ähnlich wie bei a2 + b2 = c2 im Pythagoräischen Lehrsatz, wo die Summe der Kathetenquadrate das Hypothenusenquadrat ergeben, haben wir es mit einer kybernetischen Dreiecksbeziehung von Technik, Wirtschaft und Umwelt zu tun –.
Die Hypothenuse ist gewissermaßen das „Interface“ zwischen dem lebenden System und der dieses umgebenden realen Außenwelt (der „Natur“).
Im Hintergrund stehen die drei Entitäten Materie / Energie / Information.
Die Wechselwirkungen dieser drei Entitäten sind die Grundlage der „Kybernetik 1. Ordnung“ – des Lebens (als Transformationsprozesse von Information: syntaktisch / semantisch / pragmatisch) – als Trias von Information, Funktion und Organisation.
Unser Erleben ist die „Kybernetik 2. Ordnung“ (wahr / gut / schön) als Trias von Logik, Ethik und Ästhetik.
Das Schöne mit dem Nützlichen zu vebinden ist „techne“ im Wortsinn, insgesamt die gelungene Bindung der Funktion an die Organisation des Systemganzen.
Das Technologische ist ein Induktionismus ;
die Ökonomie ein Deduktionismus.
Der Konstruktion -
folgt die Selektion.
Und so fort: Senden, Empfangen :
Was nicht hineinpasst – das fliegt raus.
Das Phänomen Ware ist ein Einschub inmitten der Biokybernetik.
Insgesamt handelt es sich um einen riesigen Regelkreis, der einerseits vom Systemunterbau von der Logik des Lebendigen und vom Oberbau von den sozialen Interessen und ökologischen Rahmenbedingungen bestimmt wird.
So unterscheidet man zwischen dem vordergründig „proximaten“ Erleben und den verborgenen „ultimaten“ Bedingungen des Lebens.
Letztere sind nicht so sinnfällig, und werden eher theoretisch bzw. instrumentell (z.B. als Umweltparameter, Indikatoren) erschlossen.
So betrifft die Lehre von der Ware die gesamte Wirklichkeit unseres menschlichen Lebens: den bio-kulturellen Zusammenhang.
Daraus leitet sich der ganze Sinn und der Wert des ökonomisch-technologisch-ökologischen Wissens um die Ware ab.
Ohne Orientierung am Leben und an der Lebenserhaltung ist jede Mikro- und Makroökonomie, jede Betriebs- und Volkswirtschaft systemblind. Waren als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung betreffen die personale, soziale und ökologische Realität !
Der Mensch ist Kulturwesen um seiner Gesundheit willen. Die Abwendung von Natur und Kultur ist die Quelle der Armut.
Ohne Verständnis für die wechselseitige Abhängigkeit von Natur und Kultur gleicht das Wirtschaftssystem einem Sägewerk ohne Wald.
Geld ohne Ware, Ware ohne Nutzen für das Leben, ist wertlos im Sinne des Wortes.
2. Abschnitt
(Einige kritische Anmerkungen zur Aufkündigung des bio-kulturellen Zusammenhangs in der postmodernen Erlebnisökonomie)
Derzeit findet ein riesiger Transformationsprozess statt:
Von einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen ist vielfach die Rede. Eine neue Lebensweise lässt eine andere hinter sich. Wir werden zu Zeitzeugen eines großen Tauschvorganges.
Es geht uns – so scheint es – so gut wie nie zuvor. Wir leben in einer opulenten Warenwelt, einem wunderbaren Supermarkt mit paradiesischen Zuständen, wie sie sich ehedem nur als Schlaraffenland erträumen ließ.
Was alles kann hier gekauft werden: massenhaft Freizeit, tolle Erlebnisse, in Kunstwelten kann jeder jederzeit überall sein, totale Befreiung durch Überschreiten ehemals für unüberwindbar erachteter Grenzen, ewig jugendliches Lebensglück, Wellness, die Verlängerung der Jugend und des Lebens, irgendwann die erklonte Unsterblichkeit .Die Gentechnik heilt nicht nur Krankheiten, sondern ist Lebenstechnologie, die den Menschen umgestalten und besser machen soll, körperlich wie geistig als Paradiesverheißung.
Die Erfüllung alter Menschheitsträume könnten Realität werden, so verkünden es jedenfalls Propagandisten einer totalen Konsumgesellschaft - als Verheißung sozialer Glückseligkeit ?
Als Kehrseite gibt es so etwas wie eine „Endzeitliteratur“: das Ende der Arbeit, zwei Milliarden Arme weltweit, das Ende der sozialen Sicherheit, Verlust jeder Wirklichkeit, das Ende der Realität, das Ende der Natur, ökologische Verwüstungen allen Orts, Artensterben, vermittels Gentechnik das Ende der Arten und der Evolution; das Ende des Textes, die Verdrängung des Textes durch das Bild, das Ende der Mündigkeit und der Demokratie. Das vielfältige Leben wird gegen massenhafte Ware getauscht.
Die Ware ist jedoch nur Lebensmittel, nicht das Leben selbst.
Ist aber unser Dasein nichts anderes als sogenanntes „Wirtschaftsleben“, nichts als eine unendliche Abfolge von Wahlakten und Konsumakten – subtile Fortsetzung von „Fressen und Gefressenwerden“ ?
Wollen wir den totalen Markt ? Sind Markt, Demokratie, Kultur, Gesellschaft derzeit dabei zu Synonymen zu werden ? In welcher Welt, welcher Virtualität oder Realität, wollen wir denn leben ?
Die postmoderne Identität besteht darin, keine zu haben. Im postmodernistischen Showdown bestimmen weder Natur noch Kultur, sondern diktiert die jeweils stärkste Lobby. Ist das nicht Tyrannei, subtile Herrschaft von Technokraten ?
Nach der Theorie bestimmt im demokratisch-marktwirtschaftlichen System der Souverän das Geschehen. Und es gibt so etwas wie ein gläubiges Vertrauen in die Unsinkbarkeit des Wirtschaftsschiffes, in dem die unsichtbare Hand eines Steuermanns (kybernetes) die Geschicke lenkt.
Der US-Ökonom Joseph E. Stiglitz gewann den Nobelpreis 2001, indem er nachwies, dass die seit Adam Smith propagierte „invisible hand“ ein Mythos ist und bestenfalls die Hand eines blinden alten Mannes sei. Plakativ ausgedrückt: die Blindheit des ökonomischen Greises wirkt sich auf dem einen Auge auf dem Sozialen und dem anderen im Ökologischen aus.
Unser aktuelles Wirtschaftssystem gleicht Monaden systemblinder Selbstläufer. Im ethischen Vakuum lautet das Motto totaler Befreiung: „Anything goes
!” Die Allokationsprozesse bringen global überallhin wo etwas noch nicht ist – bis zur totalen Gleichheit im Maximum der Entropie.
Statt dass das Ganze eine selbstgewählte Entwicklung gebildeter Menschen wäre, beherrschen tatsächlich systemimmanente Zwänge das Wirtschaftssystem, die Entscheidungen vielfach vorwegnehmen.
Das System appelliert an die Schwächen des Menschen – wobei dieses „Mephisto-Prinzip“ Gutes hervorbringen soll.
Mittlerweile trivial ist auch die Einsicht, dass dem Markt überlassene
Lösungsstrategien angesichts gewisser Aussenfaktoren in der Regel nicht wirken.
Es fehlt auf funktionaler Ebene an Sachinformation und organisatorisch an Lageinformation.
Informationsdefizite und Asymmetrien in den Informationsbeständen weisen die Information als die eigentliche ökonomische Knappheit aus.
In biologischen Kategorien gedacht besteht funktionell ein Mangel an Kohärenz und organisatorisch an Korrespondenz. Ohne die Fitness der Informationsbestände könnte keine Lebensform überdauern.
Das Ökonomische ist ein Wesensmerkmal des Lebendigen – und nicht umgekehrt. Nicht die Wirtschaft lebt, sondern das Leben wirtschaftet. Inkompatible Systemelemente vernichten sich selbst.
Die Bioökonomie beruht auf der Selbstorganisations-Stategie eines Fitness-Managements, in dem Inkompatibilitäten verworfen werden.
Die Utopie, durch „Fortschritt“ die Selektionskräfte des Lebendigen zu überlisten, verschiebt die Selektionswirkungen bloß – mit der bedrohlichen Folge, dass deren ferne Feedbacks umso heftiger eintreffen. Wenn durch Fortschritt die Wirtschaft wächst, dann wächst deshalb die Biosphäre noch lange nicht mit.
Die Nachhaltigkeit als Ausdruck von Kompatibilität ist das Kernstück der Warenlehre !
Lassen Sie mich am Schluss dazu als ...
3. Abschnitt
... den Versuch eines Ansatzes zur warenwissenschaftlichen Epistemologie noch einige akademische, erkenntnistheoretische Anmerkungen anbringen:
Die epistemologische Grundfrage lautet: „Wie kommen Erkenntnisse zustande?“ Die naturwissenschaftliche Frageweise setzt das Vorhandensein einer tatsächlichen Welt voraus. Diese Annahme wird als „hypothetischer Realismus“ bezeichnet.
Erkenntnis ist die Einsicht in die Tatsächlichkeit eines Sachverhaltes, einer „Wahrheit“, deren Inhalt begründet ist. „Wahrheit“ im biologischen Sinn hat Überlebenswert auf der Grundlage von Widerspruchfreiheit: „Wahr ist, was überlebt“.
Zu den biologischen Universalien gehört der Befund, dass alle Lebewesen Informationsträger sind.
Die Information durchläuft Transformationsprozesse. Unterhalb der Ebene der Moleküle wirken die Gesetze der Quantenphysik.
Die Molekularität der DNA transformiert zu Gehirnen, die Information auf energetischer Basis in Form neurophysiologischer Musterbildungen verarbeiten.
Der ständige Informationsaustausch zwischen dem Organismus und seinen existenzbestimmenden Faktoren ist die Grundlage seiner biologischen Existenz.
Unsere physische Existenz, unsere Entwicklung, ist Abbild eines von uns unabhängigen Daseins, einer Realität, nach der sich unser Körper samt dem Gehirn ausgerichtet hat. Wir sind, wie das Auge die Gesetze der Optik abbildet, Abbild der uns umgebenden Welt, jener physikalischen Gesetze, die uns unmittelbar in unserer physischen Existenz berühren.
Davon ist unser Erkenntnisapparat nicht entkoppelt, er ist von den uns umgebenden Gesetzen geprägt. Erkenntnisprozesse nehmen nur das wahr, was vorher unsere Sinnes- und Gehirnzellen vorbestimmt hat. Ähnlich wie in der Quantenmechanik werden der Erkenntnisakt und das Erkannte konvergiert.
Damit sind unsere Vorstellungen Spiegelungen der unsere Existenz bestimmenden Realität. Wir nehmen nur wahr, wovon wir geprägt wurden.
Die vom Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) angesprochenen vor jeder Erfahrung (a priori) gegebenen Einsichten (wie die Dreidimensionalität des Raumes, die Kategorien Zeit, Kausalität) deutete der spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903 – 1989), der den ehemaligen Lehrstuhl Kants in Königsberg innehatte, im Jahre 1941 als evolutionäres Ergebnis allmählich entwickelter, genetisch stabilisierter „angeborener“ Strukturen.
Nur jene Lebensformen überleben, deren Erkenntniswerkzeuge der Wirklichkeit optimal angepasst sind. Die Annahme einer vom erkennenden Subjekt unabhängigen, strukturierten Außenwelt ist nicht zwingend, aber funktional nützlich im Hinblick auf den Überlebenswert.
Alle Lebewesen übertragen ihren eigenen Negentropie-Gradienten auf ihre Umwelt, die umgekehrt auf die Informationsträger einwirkt. So ist der Lebensprozess als Aktualisierung von genetisch / neurobiologischer Information zu deuten, die ihrerseits von der Umwelt geprägt wird. Dieser Passungsdialog besteht also in einem Kreislauf von Empfangen, Verarbeiten und Senden von Information. Informationskreisläufe sind daher für den Lebensprozess konstituierend.
Im Gegensatz zu „trivialen Maschinen“, die nach einem festgelegten Programm arbeiten, sind die Lebewesen als offene Systeme lernfähig, indem sie als „nichttriviale Maschinen“ ihre Programme verändern.
Das Leben als erkenntnisgewinnender Prozess bildete das Forschungsprogramm des BCL (Biological Computer Laboratory), das Heinz von Foerster an der Universität von Illinois leitete: deren wesentlichste Ergebnisse bilden die Grundlage der Informationstheorie, der Kybernetik und Selbstorganisationstheorie.
„Leben ist Lernen“ formulierte Konrad Lorenz,
ähnlich Karl Popper: „Alles Leben ist Problemlösen“, dessen evolutionäre Theorie der Wissenschaftsentwicklung international einflussreich wurde: auf Induktion und Deduktion folgt Selektion als Bestätigung oder Widerlegung.
Was überlebt, das erweist sich als „wahr“ – was sich als Überlebensmittel bewährt, das wird uns zur Ware.
Literaturhinweise:
Zum 1. Abschnitt:
KIRIDUS-GÖLLER, Richard: Die Ware aus der Sicht der Biologie.- In: Forum Ware 28(2000)4-13.
KIRIDUS-GÖLLER, Richard: Some Pythagorean Considerations on Bioeconomics.- In: Cybernetics, Ecology and Bioeconomics. Proceedings of the International Joint Conference. Palma de Mallorca, Nov.7-10 1998.- Milano: Edizioni Nagard 2000, pp.217-232.
Zum 2. Abschnitt:
FIRLEI, Klaus: Humanismus im globalen Supermarkt.-In: Humanismus heute (Hrsg.: L. März). Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2001, S.23-38.
WUKETITS Franz M.: Der Affe in uns. Warum die Kultur an unserer Natur zu scheitern droht.
- Stuttgart: Hirzel 2002
Zum 3.Abschnitt:
FOERSTER, Heinz von: KybernEthik.- Berlin: Merve, 1993
KIRIDUS-GÖLLER: Die Warenwissenschaft in ihrer Tradition und Bedeutung.-
In: Der Ware Sein und Schein (Hrsg.: R. Löbert u. H. Lungershausen).
Haan-Gruiten: Europa Lehrmittel Verlag 2002, S. 179 -200.
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