Schreiben einer Politikerin:

Historische und zeitgeschichtliche Bildungsarbeit erscheint mir als eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft, kann doch nur durch Bildung eine kritisches Bewusstsein der historischen Bedingtheit unserer Gegenwart vermittelt werden. Diese Bildungsarbeit vollzieht sich auf vielen Ebenen, an den Schulen, wo viele engagierte Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Jahren beachtenswerte Beiträge gerade zur Erforschung der österreichischen Zeitgeschichte etwa in lokalen Zusammenhängen geleistet haben, an den Universitäten, aber auch beispielsweise in verschiedenen künstlerischen Zugängen oder in Gedenkveranstaltungen wie jener vom 3. Mai 2002. Im Mittelpunkt muss dabei nicht die unreflektierte Sammlung von Materialien, sondern die inhaltliche Aufarbeitung der österreichischen Zeitgeschichte stehen, um so zu einem Verständnis ihrer Hintergründe zu gelangen.

Ziel aller dieser Bemühungen muss es nach meiner Überzeugung sein, über einen bewussteren Umgang mit unserer Geschichte, für den gerade auch die in Ihrem Schreiben erwähnte Historikerkommission in besonders bedeutender Weise wirkt, zu einer bewussteren Haltung aller Menschen gegen Gewalt und Rassismus in unserer Gegenwart beizutragen.

Ich verbleibe mit den besten Grüßen



Antwort:

Danke schön für Ihr Antwortschreiben vom 14. 06. 2002.


Wie Sie schreiben, "muss im Mittelpunkt [historischer und zeitgeschichtlicher Bildungsarbeit] nicht die unreflektierte Sammlung von Materialien, sondern die inhaltliche Aufarbeitung der österreichischen Zeitgeschichte stehen, um so zu einem Verständnis ihrer Hintergründe zu gelangen."

 

Durch diese Aussage fühle ich mich nicht so verstanden, wie ich mir das gedacht hätte und möchte Ihnen das klarstellen.

 

1.       Die Sammlung historischer Materialien kann schon vom Prinzip her nicht "unreflektiert" sein. Denn bereits in anthropologischer Hinsicht ist das ein Merk-Mal von Intelligenz und Selbst-Bewusst-sein.

In der Fachwissenschaft kommt dem Sammeln historischer Materialien überhaupt fundamentale Bedeutung zu; mindestens soweit sie sich als empirisch und nicht als spekulativ begreift. Zwischen der Sammlung historischen Quellenmaterials und der Aufarbeitung von Geschichte besteht nicht, wie Sie durch die adversative Konjunktion "sondern" suggerieren, ein Gegegensatz, sondern ein sachlicher Zusammenhang. Ohne Bezug auf Quellen kann man nicht zu intersubjektiv überprüfbaren Aussagen kommen. Aber ohne die Überprüfbarkeit einer Darstellung mittels Quellen nähmen Behauptungen den Charakter eines bloßen Dogmas an, bei dem hinwiederum es, zumal während religiös toleranter Epochen der Menschheitsgeschichte, wo das Individuum durch menschliche Grundrechte geschützt ist, ausschliesslich von der persönlichen Wertehaltung abhinge, ohne Furcht für Freiheit, Leib und Leben, ob etwas geglaubt wird oder nicht.

Ein Diskurs in einer säkularen Gesellschaft, der vorgibt zeitgeschichtliche Bildungsarbeit zu leisten, kann seinen eigenen Ansprüchen zur Bildung eines "kritischen Bewusstseins" beitragen zu wollen nur dann gerecht werden, wenn er bereit ist, zwei Voraussetzungen zu akzeptieren.

Erstens sollte er rational geführt werden, sine ira et studio, und nicht auf der Basis von "Glaubenssätzen". Das impliziert den Verzicht auf "Schlagworte" wie beispielsweise "Linksfaschismus" oder "Rassismus". (Oder war beispielsweise der Abgeordnete und nachmalige Bundeskanzler Julius Raab ein "Un-Mensch", weil er gleich nach dem 2. Weltkrieg von "Straflagern" für "KZ" und von "Untermenschentum" sprach?) Derartige Schlagworte fallen aus dem Rahmen rationaler Argumentation, indem sie die Freiheit der Beweisführung zu Gunsten einer einseitigen, ungeprüften, von vornherein feststehenden "Schuld"zuweisung kippen und dabei auch noch den Nebeneffekt erzeugen, dass sie denjenigen, der zuschlägt, von der Richtigkeit seiner Vorgangsweise überzeugt sein lassen, wenn der Geschlagene sich nicht gleichermaßen verhält und das Publikum demjenigen applaudiert, der auf die Gewalt von Schlagworten vertraut. Auch "verschiedene künstlerische Zugänge", durch die Sie "Bildungsarbeit" vollzogen wissen, dürften insgesamt weniger zur nüchternen Betrachtung von Geschichte als vielmehr zur Stimulierung von Gefühlen beitragen. (Oder irre ich mich, wenn ich dem künstlerischen Beitrag beispielsweise von Herrn Schlingensief in Folge der gegenwärtigen Regierung – der im Unterschied zu meinem Projekt sicherlich mit Steuergeldern gefördert wurde – "Tötet [Bundeskanzler] Schüssel!" wenig historisches Faktengehalt abgewinnen kann, gleichwohl sein Auftritt Manchen unter dem Aspekt einer "Ästhetik des Widerstands" wohl gefallen haben mag?)

Zweitens sollte er auf empirischen Grundlagen aufbauen. Erst umfangreich zur Verfügung stehende Quellen erlauben die Kritik von Meinungen, erst dadurch wird eine abwägende inhaltliche Aufarbeitung der österreichischen Zeitgeschichte möglich, die ja auch Sie in den Mittelpunkt der Bildungsarbeit gestellt sehen wollen.

   

2.       Die Sammlung und Archivierung speziell parlamentarischer Materialien für den Zeitraum der gesamten 2. Republik in zeitgemäßer elektronischer Form ist auch deshalb nicht "unreflektiert", weil das Parlament in einer Demokratie eine wichtige staatspolitische Einrichtung ist. Mich darüber geirrt zu haben möchte ich auf Grund meines Allgemeinwissens nicht annehmen. Mit der gleichen Sicherheit möchte ich allerdings auch ausschließen, dass im Bemühen um "die inhaltliche Aufarbeitung der österreichischen Zeitgeschichte" die Parlamentsreden (und sonstige Parlamentsmaterialien) dieses Zeitabschnitts übergangen werden können. Ausgerechnet Ihnen als parlamentarischer Spitzenfunktionärin den dokumentarischen Wert von Parlamentsreden verdeutlichen zu müssen, soll mich unter der Voraussetzung nicht wundern, dass Sie nicht wissen können, dass unter Verwendung der digitalisierten Parlamentsmaterialien das "Verständnis der Hintergründe österreichischer Zeitgeschichte" fallweise deutlich vertieft werden könnte. Beispielsweise hat ein österreichischer Politikwissenschaftler, der an einem mit einem zweistelligen Schillingmillionenbetrag geförderten Projekt mitarbeitet, mir gegenüber geäußert, im Wissen um mein Privatprojekt wäre das eigene Projekt "ganz anders" konzipiert worden. Ich frage mich lediglich, wie Sie zu einem "bewussteren Umgang mit unserer Geschichte" kommen wollen, wenn das, was Sie bzw. eine lange Reihe Ihrer Vorgänger im Parlament gesprochen haben, ausgeblendet werden soll. Womit wir bei der von Ihnen erwähnten "Historikerkommission" angelangt sind. Dieser bot ich die automatisationsgestützte Recherche und Analyse der digitalen Sitzungsprotokolle des Nationalrates für den Zeitraum von 1945 bis zur Gegenwart an. Der Sekretär Herr Binder-Krieglstein lehnte das in seinem Antwortschreiben vom 31. März 1999 ab, weil zum Einen die stenographischen Protokolle im Zentralgebäude des Staatsarchivs leicht und direkt zugänglich seien, zum Anderen ein Monatspreis von öS 20- 30 000 – was in Summe sicher einige zehntausend Schilling ergeben hätte – "eine mit den Budgetmitteln der Historikerkommission nicht zu bedeckende Ausgabe" sei. (In Bälde, wenn EDV-Unterricht in Österreich Pflichtfach für 10jährige werden sollte, dürfte jeder wife 11jährige im Stande sein den Unterschied zwischen dem manuellen Blättern in zigtausenden Buchseiten und der punktgenauen, sekundenschnellen Volltextsuche per Datenbank zu erläutern.)

 

Den in Ihr Schreiben eingeflochtenen Wendungen "kritisches Bewußtsein", "inhaltliche Aufarbeitung", "Verständnis ihrer Hintergründe", "bewußterem Umgang" in Bezug auf historische und zeitgeschichtliche Bildungsarbeit möchte ich mit dem Antwortschreiben der Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur vom Juni 2000 einen Bezugspunkt geben: "Ich stimme Ihnen zu, dass diese umfassende Informationsbasis, wie sie die Gesamtheit der Parlamentsreden der II. Republik darstellt, einen großen historischen Wert hat. Diese Datenbank ist eine nützliche Quelle und vor allem eine Arbeitserleichterung für Journalisten, Meinungsbildner, Sprachwissenschaftler, Politologen, Studierende und interessierte Staatsbürger..."

 

Was sagen Sie dazu? Ich habe dieser Stellungnahme Nichts hinzuzufügen und kann nur meinem Bedauern Ausdruck geben, dass das "Hohe Haus" noch eine andere Sichtweise zu haben scheint. Seien Sie aber meinem Bemühen versichert unbeirrt manch widriger Umstände der breiteren Öffentlichkeit durch die geplante Publikation eines Buches im kommenden Jahr die Gelegenheit zu geben, zum besseren Verständnis mancher Phänomene in unserer österreichischen Zeitgeschichte zu gelangen.

 

 

                                                                                                          Wien, 19. 06. 2002

 Mit besten Grüßen